| Rede von Cr. Ortwin Reichold, Kurator dieser Ausstellung, zur Eröffnung des Archäologischen Museums Oldendorf/Luhe am 11.September 2005 |
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Wohnungen für die Ewigkeit Totenreich und Lebenswelt Sehr verehrte Damen und Herren, als Kurator dieser Ausstellung wurde ich gebeten, etwas zu den Leitlinien der Ausstellungskonzeption zu sagen, was ich natürlich sehr gerne tue. Die Ausstellungsidee besteht darin, den Museen im Landkreis Lüneburg durch die Präsentation eines ortsspezifischen, historischen oder naturwissenschaftlichen Themas ein eigenes, unverwechselbares Profil zu verleihen und sich damit deutlich von dem klassischen Modell des Heimatmuseums zu unterscheiden. In diesem Sinne wurde neben Oldendorf bereits das „ElbSchloss Bleckede“ als Informationszentrum für die Elbtalaue neu eingerichtet. Die weithin bekannten Megalithgräber der Oldendorfer Totenstatt bieten die Gelegenheit, parallel zu den archäologischen Denkmälern im Gelände die bis dahin auf verschiedene Museen verteilten Grabfunde in einer zusammenhängenden Ausstellung zu zeigen. Da die Grabstätten aber nur den Schlussakkord eines Lebens repräsentieren, liegt es nahe, der Darstellung des Totenreichs die Welt der Lebenden gegenüberzustellen. Diese beiden Antagonismen, die in der Raummitte durch Wohnhaus und Totenhaus symbolisiert werden, bilden die Kernaussage der Exposition. Sie lässt sich in der Erkenntnis zusammenfassen, dass Leben und Tod in der Trichterbecherkultur als zwei gleichwertige, sich gegenseitig durchdringende Lebensformen empfunden wurden, von denen die eine lediglich in der nicht sichtbaren Anderswelt existiert. Der kräftezehrende Bau eines Großsteingrabes ist in einer arbeitsintensiven bäuerlichen Gesellschaft nur zu rechtfertigen, wenn die allgemeine Überzeugung herrscht, dass die „Seele“ der Verstorbenen diesen Ort braucht, um auf ewig darin zu wohnen. Man legte zwar Wert darauf, mit den Ahnen in Sichtweite ihrer „ewigen Wohnungen“ zu leben, wählte aber dennoch für die Gräber häufig solche Standorte aus, die es ermöglichten, Siedlungen und Totenstatt durch ein Fließgewässer zu separieren, um sich vor dem ungebetenen Besuch „unruhiger Seelen“ zu schützen, die den Wasserlauf nicht überschreiten konnten. Die Ausgrabungsbefunde der Totenstatt geben also einerseits wichtige Hinweise auf die bauliche Gestalt der Grabanlagen sowie ihr Beigabenensemble und bilden andererseits die Grundlage für die Deutung der neolithischen Jenseitsvorstellungen durch die Religionswissenschaft. Es eröffnet sich damit eine überaus komplexe Glaubenswelt, die selbst dann überrascht, wenn man sich bewusst macht, nur einen Bruchteil dessen erschließen zu können, was Spiritualität in der damaligen Zeit ausmachte. Demgegenüber zeichnet sich die Lebenswelt aus heutiger Sicht durch die differenzierte Auswahl der Werkstoffe für Alltagsgerätschaften aus. In der funktional und ergonomisch optimierten Form eines Steinbeiles oder der harmonischen Profilierung des im gegenläufigen Schwung ausladenden Trichterbechers wird ein ausgeprägtes Formempfinden sowie eine enorme handwerkliche Geschicklichkeit und Routine erkennbar. Nur 190 Generationen trennen uns von unseren jungsteinzeitlichen Vorfahren, die, modern gekleidet, im Straßenbild heutiger Städte nicht zu unterscheiden wären. Es waren eben keineswegs primitive Hinterwäldler, sondern Repräsentanten einer hochentwickelten Bauernkultur, deren Lebensumstände wir allerdings nur aus mehr oder weniger zufällig überlieferten Grabfunden, aus Pfostenlöchern oder verschleiften Kellergruben schemenhaft erschließen können. Wie werden wohl in 5000 Jahren die Reste unserer Kultur aussehen und welche Wertigkeit ist den Schlüssen beizumessen, die dann daraus gezogen werden? Vieles ist nur aus Indizien zu erschließen. So lassen sich aus den trichterbecherzeitlichen Hausgrundrissen Niedersachsens allgemein verbindliche Maßeinheiten ableiten, auf deren Grundlage die Bauplanung erfolgte. Doch fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, wie man die „Megalithische Elle“ innerhalb des Westeuropäischen Kulturkreises über Jahrhunderte eichte und tradierte. Die Pollenanalyse wiederum lässt erahnen, welches Ausmaß die Eingriffe in den Naturhaushalt erreichten, die durch den Einschlag von Bauholz und die Rodungen für Feldbau und Weidewirtschaft verursacht wurden. Von Einzelfällen ist bekannt, dass man bereits schwierige Knochenbrüche heilen, Arme erfolgreich amputieren und Schädelöffnungen am lebenden Patienten durchführen konnte, die den chirurgischen Eingriff dieser Trepanation um Jahre überlebten. Es müssen also umfangreiche anatomische Kenntnisse sowie weit reichende Erfahrungen über die Wirkungsweise von Heilkräutern vorhanden gewesen sein, für die es sonst keinerlei Belege gibt. Auch war bereits das in der Natur gediegen vorkommende Kupfer in Gebrauch, obschon das wertvolle Metall nur äußerst selten meist in Form von Schmuckstücken in die Steingräber Eingang fand. Schließlich sind Fernhandelskontakte quer durch Europa nachweisbar, über deren Organisationsstruktur und Wegeführung nur sehr lückenhafte Erkenntnisse vorliegen. Dieses fragmentarische Wissen des gegenwärtigen Forschungstandes spiegelt die Ausstellung auf verschiedenen medialen Ebenen wieder. Sie will interessierten Besuchern die ferne Geschichte dieses alten Bestattungsplatzes in kurzen Episoden erzählen und etwas von der Faszination der Archäologie und ihrer Nachbarwissenschaften vermitteln, die in mühevoller Kleinarbeit darum bemüht sind, dieser längst vergangenen Epoche immer neue Erkenntnisse abzuringen. Da die Ausstellung als interdisziplinäres Projekt angelegt ist, gilt mein Dank an dieser Stelle den Fachleuten, die mir bei der Erarbeitung der einzelnen Ausstellungsthemen mit Rat und Tat zur Seite standen. Stellvertretend möchte ich hier Herrn Dr. Jan Joost Assendorp vom Landesamt für Denkmalpflege in Lüneburg nennen, der mit erheblichem Zeitaufwand und seiner profunden Sachkenntnis maßgeblich zum Gelingen der Ausstellung beigetragen hat. Bedanken möchte ich mich jedoch auch im Namen der „Graphischen Werkstatt Hinz & Kunst“ für die gute Zusammenarbeit mit der Samtgemeinde Amelinghausen, vertreten durch Herrn Gemeindedirektor Helmut Völker sowie Herrn Bürgermeister Günter Rund und ihren unermüdlichen Verwaltungsdirektor Herrn Matthias Riel, denen es gelang, mit dem seemännischem Geschick alter Fahrensleute alle Klippen der Finanzierung zu umfahren und die notwendigen Geldmittel für die Ausstellung bereitzustellen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche dem Trägerverein viel Erfolg bei der Weiterentwicklung des Museums. Dr. Ortwin Reichold |



